Tradition

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Über den Begriff der Tradition

Vorüberlegungen zu den Schwierigkeiten mit einem Begriff

Dem Begriff der Tradition hängt etwas antiquiertes an. Während allerorten in der philosophischen Literatur der Begriff der Kultur nach Jahrzehnten der Tabuisierung, die initiiert war durch die gescheiterten Projekte diverser Kulturphilosophien und -kritiken um die Wende zum 20. Jahrhundert, nun wieder auftaucht und Erklärungspotentiale zu bieten beansprucht, scheint der ernsthafte, und damit meine ich reflektierte Umgang mit „Tradition“, vielleicht aufgrund seiner theologischen Herkunft und seiner letztlich auch theologisch inspirierten Säkularisierung, ungemein schwierig, auch wenn zuweilen, wie selbstverständlich, „Tradition“ zum Konstitutivum von Kultur erklärt wird. In welchem Verhältnis stehen beide Begriffe zueinander? Bedeuten sie im Grunde das gleiche, weil Tradition, verstanden als Übermittlungsprozeß, in dem, was „Kultur“ genannt wird, aufgeht? Und wäre dann die einzige noch sinnvolle Verwendungsweise des Begriffs die Rede von einer „Ideologie der Tradition“ (Schmidt 1991, 617) im Sinne eines per se erhobenen Gültigkeitsanspruchs des Tradierten als Tradiertes, der natürlich – in einer kritischen „Tradition des Antitraditionellen“ (Adorno 1998, 316) zurückzuweisen wäre? Oder wird ein Traditionsbegriff benötigt, weil er zum „kleinen Einmaleins der Kultur“ gehört (Gehlen 1961, 64) und ihr Verständnis dem Verständnis von Kultur vorausgeht? Moderne Gesellschaften werden gerne als „postraditional“ charakterisiert, was andeuten soll, daß wir zur Begründung von theoretischen, praktischen oder gar ästhetischen Urteilen uns nicht (mehr) auf religiöse Autoritäten berufen können. Zugleich aber stellen wir uns – z.T. explizit – dabei etwa in die Tradition Kants. Ist „Tradition“ hier nur als eine Leerformel zu verstehen, auf die wir gut und gerne auch verzichten könnten, oder kehrt im Rekurs z.B. auf bestimmte philosophische Traditionen die religiöse Autorität im säkularen Gewande wieder?

Den Hintergrund meiner Frage nach einem Begriff von Tradition bildet das Problem, welche Rolle „Tradition“ im Rahmen einer formalen Ethik und damit in moralischen Argumentationen spielt oder spielen könnte. Um dies – an anderer Stelle – untersuchen zu können, kann ich verständlicherweise weder von vornherein auf den Begriff der Tradition wegen seines angeblichen Aufgehens im Kulturbegriff zu verzichten, noch ihn allein wegen der unbestreitbaren konservativen Konnotationen nur als Negativfolie zu verwenden. In diesem Text werde allerdings kaum auf die für die Ethik relevante Dimension des Traditionsbegriffs zu sprechen kommen. Hier geht es vorrangig darum, mich zunächst dem Begriff anzunähern, indem ich zunächst seine Geschichte und seine gegenwärtigen Gebrauchsweisen betrachte, dann ein Grundmodell von Tradition kontruiere, von dem aus es gelingen soll einen kritischen Begriff von Tradition zu erlangen.

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1 Zur Begriffsgeschichte und zu gegenwärtigen Verwendungsweisen

Als Substantiv ist „traditio“ ein Begriff der römischen Rechtssprache und bedeutet „Übergabe“, nämlich eines Gegenstandes z.B. im Rahmen einer Erbschaft. Diese ursprüngliche Verwendungsweise klingt noch heute mit, wenn z.B. von „unserem christlich-abendländischen Erbe“ gesprochen wird. Es handelt sich nicht um ein bloßes „jemandem etwas geben“, sondern um den Prozeß einer Übereignung: Der Empfänger erhält mit der Übergabe die volle Verfügungsgewalt über den Gegenstand. Angelegt ist dieses juristische verständnis in der Bedeutung des Verbes tradere, das üblicherweise mit „übergeben, überreichen“ wiedergegeben wird. Zu einer Erweiterung des Begriffsfeldes kommt es in den ersten beiden nachchristlichen Jahrhunderten, indem traditio im übertragenen Sinne gebraucht wird: nicht mehr nur werden Gegenstände übergeben, sondern Regelungen, Bräuche, Sprüche und Geschichten. Zwar ist der metaphorische Gebrauch schon bei römischen Autoren belegt, allerdings nur selten; die Etablierung der Übergabemetapher geht von christlichen Theologen aus, die tradere und traditio für das neutestamentlich vielfach belegte paradidomi und paradosis verwenden. Der metaphorische Gebrauch gehört bereits vorchristlich zum griechischen Begriffsfeld.

Die zentrale Funktion des theologischen traditio-Verständnisses war der Legitimationserweis des Überlieferten, und zwar durch Rückbindung an möglichst frühe Urheber, deren Autorität die Wahrheit des Überlieferten verbürgt, namentlich Jesus oder zumindest ein Jünger oder Apostel. Am Anfang der christlichen Tradition stand das mündliche Weitergeben beispielsweise von Aussprüchen Jesu, Geschichten etwa über Wunderhandlungen oder von bestimmten Regelungen zur Durchführung ritueller Handlungen mit der Repetition begleitender Sprechhandlungen (Abendmahlsparadosis; Taufpraxis). Mit der Verschriftlichung und anschließenden Kanonisierung der Texte kamen als zweiter Punkt Auslegungsweisen ursprünglicher Jesusworte sowie Ergänzungen hinzu, durch die z.B. auf sich verändernde Umstände reagiert wurde. Hieraus entwickelte sich später die Unterscheidung von Schrift und Tradition, also der Unterscheidung des schriftlich vorliegenden, kanonisierten Überlieferungsbestandes in der Bibel von den Glaubensüberlieferungen, die entlang den Auseinandersetzungen in der Alten Kirche sich bildeten. In der Auseinandersetzung mit häretischen und schismatischen Bewegungen entwickelte Vinzenz von Lérins seine die Legitimation mündlicher Traditionen klärende Formel, daß wahrhaft katholisch sei, „quod ubique, quod semper, qoud ab omnibus creditum est“: Nur wenn eine Glaubensaussage einem der Kriterien genügen konnte, sollte sie zur Tradition gerechnet werden können. Der Gebrauch des Begriffs blieb bis ins 18. Jh. hinein theologisch dominiert, spätestens aber seit der Reformation und der exklusiven Entgegensetzung von „scriptura“ und „traditio“ setzte über die theologisch inspirierte Traditionskritik seine Säkularisierung ein.

Der spezifisch theologischen Bedeutung weitgehend ledig begegnet der Traditionsbegriff samt seiner Derrivate heute in einer Vielzahl unterschiedlichster Kontexte. Eingewandert in die Alltagsprache kennzeichnet „Tradition“ meistens Handlungsweisen, die einfach üblich sind, so etwa, wenn man sagt, es sei Tradition, daß Braut und Bräutigam den Hochzeitsball eröffnen oder man beim gemeinschaftlichen Verzehr alkoholischer Getränke sich einander „Prost“ zuriefe. Nur eine Nuance anders ist der Fall, macht man darauf aufmerksam, daß das Verstecken buntbemalter Eier zu Ostern einer alten Tradition entstamme. Oder: Das Münchener Oktoberfest wird ein Traditionsfest genannt, wie überhaupt die Bayern als traditionsbewußt gelten und manche in einem Gerichtsurteil, das Anwohner vor übermäßiger Lärmbelastung schützen soll, einen Generalangriff auf die wichtige Biergartentradition sehen, durch den die bayrische Identität in gefährdet ist. Tradition ist hier v.a. verstanden als (regionales) Brauchtum. Wenn ich wiederum sage, daß der Sonntagsspaziergang bei uns Tradition habe, so heißt das nicht mehr als daß wir regelmäßig sonntags spazierengehen. Dies ist vergleichbar dem Ausdruck, eine bestimmte Firma habe eine lange Tradition, der besagt, daß man auf eine lange Firmengeschichte zurückblicken kann.

Das Adjektiv „traditionell“ wird im Alltag in ähnlicher Weise verwendet und bedeutet dann soviel wie „dem Üblichen“ oder „einem Brauchtum verpflichtet“: Ein traditionelles Hochzeitsfest ist ein Fest, das im gewohnten Rahmen verläuft, allerdings ohne daß unbedingt lokales Brauchtum zur Geltung kommen muß. Ostereier werden traditionell mit Speckstiften bemalt und mit Häschenaufklebern verziert, nicht aber mit einer Farbdose besprüht. Karfreitag wird traditionell Fisch gegessen. Dieser Gebrauch weicht ab von dem in der Ästhetik: traditionelle Musik z.B. ist geprägt von Tonalität, moderne Musik von einer Aufweichung der Bindung an tonale Strukturen. Ist hierbei der Gegensatz von traditionell und modern von zentraler Bedeutung, so kann man beim Besprühen von Ostereierrn mit Grafitifarbe nicht von einer modernen, sondern muß eher von einer höchst unkonventionellen Methode des Einfärbens sprechen. Ganz anders verhält es sich mit dem Verb „tradieren“, weil es nicht in der gleichen Weise Eingang in die Umgangssprache gefunden hat, sondern der Bildungssprache vorbehalten ist. Hier ist die frühe, metaphorische Verwendung noch am klarsten zu sehen, wenn man im Feuilleton davon spricht, daß bestimmte Werte, diese und jene Sage oder ein spezifischer Brauch tradiert oder– eingedenk des häufig klagenden Untertons – nicht mehr tradiert würden.

Gemeinsam ist den unterschiedlichen Verwendungsweisen des Traditionsbegriffs, daß sie auf den geschichtlichen Aspekt von Handlungsweisen, Institutionen und Kenntnissen verweisen. Wenn wir von Tradition sprechen, ziehen wir eine Linie von der Gegenwart in die Vergangenheit – oder umgekehrt. Die Betonung dabei muß auf dem „wir“ liegen, denn die Rückfrage, was denn jemand mit „der Tradition“ oder „unserer Tradition“ meine

Dies aber ist schon der zweite Schritt, denn dieses Sprechen von Tradition ist bereits reflexiv und setzt etwas voraus, das stattfinden kann, ohne daß die Tradierenden selbst über einen Begriff von Tradition verfügen müssen. Diese These mag als Leitlinie dienen für die folgende Rekonstruktion eines für die hier verfolgten Zwecke eindeutigeren Traditionsbegriffs.

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2 Go – oder die Rekonstruktion eines Grundmodells von Tradition

Zur Verdeutlichung der nötigen Grundbegriffe nehme ich ein Beispiel, in dem ein Traditionsbegriff noch nicht von Nöten ist und zwar – um nicht in Versuchung zu kommen, Reflexionen anthropologischer oder ethnologischer Art über den ‚Ursprung‘ von Traditionen anzustellen – ein Spiel, vorzugsweise eines mit strategischen Elementen, wie das japanische Brettspiel Go. Am Anfang steht für gewöhnlich des Lernen der Spielregeln, die beim Go-Spiel sehr einfach sind. Nach 5 bis 10 Minuten kann Anton von sich behaupten,er könne Go spielen. Nur: Wie ‚gut‘ kann Anton spielen? Würden wir ihn fragen (und er ehrlich antworten), dann würde er wahrscheinlich sagen, er habe Grundkenntnisse. Ihm zum Vorteil gereicht, daß er schon andere Spiele kennt und ein ganz passabler Schachspieler ist. So lernt er durch einige Spielpraxis, daß zuweilen ein Opferzug Vorteile bringt und manche Züge Nachteile, indem sie zwangsläufig den Verlust eines Steins oder ganzer Steingruppen nach sich ziehen. Nach ein paar Jahren regelmäßigen Spiels reagiert er nicht mehr panisch auf jeden Angriffszug, weiß, wann eine Stellung sicher, wann sie gefährdet ist und kann in problematischen Situationen angemessen reagieren. Seine Gegner halten ihn für einen erfahrenen Spieler. Was heißt hier „Erfahrung“? Nach ersten Grundkenntnisse erlangt Anton durch die Praxis weitere Kenntnisse, die über die Spielregeln hinausgehen: er kennt verschiedene Eröffnungsvarianten, die ihm gegenüber einem weniger kenntnisreichen Gegner Stellungsvorteile verschaffen, kennt eine Reihe klassischer Stellungen, die es anzustreben oder zu vermeiden gilt etc. Kenntnisse möchte ich also einen Wissensvorrat nennen, über den jemand verfügt. Kenntnisse allein genügen aber noch nicht, um als erfahren zu gelten, sondern erfahren ist jemand, der seine Kenntnisse anzuwenden vermag. Um dies auszudrücken, bietet sich das Wort „Fähigkeit“ an. Fähig ist jemand immer zu etwas. Genügt es, daß Anton eine Partie spielen kann, so ist er bereits zu einem Spiel fähig, wenn er die Regeln kennt. Um gegen einen mittelmäßigen Spieler zu gewinnen, muß er – wenn er keine weiteren strategischen Kenntnisse hat – fähig sein, aufgrund seiner Regelkenntnis mögliche Zugfolgen voraus zu bedenken und die möglicherweise resultierenden Stellungen relativ zum Spielziel zu bewerten. In Bezug auf Kenntnisse und Fähigkeiten möchte ich also in zweifacher Hinsicht von Erfahrung sprechen: Kenntnisse und Fähigkeiten werden erworben, indem jemand Erfahrungen macht, während jemand Erfahrung hat, der über Kenntnisse und Fähigkeiten verfügt. Dies ist keineswegs, auch wenn es sich zunächst so anhört, zirkulär, denn den Ausdruck „Erfahrung haben“ verstehe ich gleichbedeutend mit dem Ausdruck „Erfahrungen gemacht und damit Kenntnisse und Fähigkeiten erworben haben“.

Wichtig, aber sicherlich erklärungsbedürftig sind hier die Wendungen „etwas haben“ oder „über etwas verfügen“, denn sie könnten suggerieren, Erfahrung sei ein Gegenstand, den ich einmal erwerbe, beiseite stelle und bei Bedarf wieder hervorhole. Um deutlich zu machen, wie ich dies verstanden wissen möchte, kehre ich zum Spielebeispiel zurück: Würde Anton, nachdem er die Regeln kennt, mit seinem Spiel beginnen, ein wenig probieren und dabei immer und immer wieder Züge wählen, mit denen er in der Vergangenheit bereits gescheitert ist, so könnten man mit Recht sagen, Anton habe nichts aus seinen Fehlern gelernt. „Erfahrung haben“ setzt also ein Vermögen voraus, sich an die gemachten Erfahrungen zu erinnern. Das Erinnerungsvermögen wiederum ist die Vorraussetzung dafür, etwas zu lernen. Von einem Lernen möchte ich dann sprechen, wenn die gemachten Erfahrungen zu einer Veränderung der Handlungsweisen führen. Aufgrund seiner Kenntnis von Spielen würde Anton vielleicht, hätte man ihn ohne Kenntnis der Go-Regeln mit der Aufforderung zu spielen vor das Spielbrett gesetzt, die Steine beliebig auf das Brett gesetzt, hätte sie hin und her gezogen und möglicherweise eine Art Dame-Variante gespielt. Gelernt hat er die Regeln, wenn er die Steine nicht mehr zwischen sondern auf die Kreuzpunkte der Linien setzt, einmal gesetzte Steine nicht mehr verschiebt und nicht an Stellen setzt, die untersagt sind. Eine Spieltaktik hat er gelernt, wenn er Züge, die ihn bei vergangenen Spielen nicht dem erwünschten Ziel nähergebracht haben, vermeidet und erfolgreiche Züge wiederholt.

Ich habe mich bei den bisherigen Ausführungen auf die eine Person Anton konzentriert und versucht darzulegen, was es heißt, daß er Erfahrungen macht, dadurch Kenntnisse und Fertigkeiten erwirbt und schließlich als erfahren gilt. Den Prozeß, der vom „Erfahrungen machen“ zum „Erfahrung haben“ führt, hatte ich als Lernen bezeichnet und als grundlegende Disposition verlangt, daß Anton Erinnerungsvermögen besitzt. Nun sind die Weisen, etwas zu erfahren, höchst unterschiedlich und auch hier ist die Rede vom Erfahren vieldeutig: „Anton hat erfahren, daß dieser oder jener Zug vorteilhaft ist“ kann bedeuten, daß er den Zug (mehrmals) ausprobiert hat oder daß Berta ihm diesen Tip gegeben hat. Nur im ersten Fall würden wir sagen, Anton habe die entsprechende Erfahrung unmittelbar gemacht. Im zweiten Fall hat Anton vermittelt an Bertas Erfahrung teil. Ich würde sogar behaupten wollen, daß ein Großteil der Erfahrungen, die Anton beim Lernen des Spiels macht, vermittelt oder wenigstens angeleitet sind: An bestimmten Stellen des Spiels macht Anton immer wieder die gleichen Fehler, bis Berta ihn – vielleicht mit Hilfe eines Merksatzes – darauf aufmerksam macht und Anton nun versucht, den Fehler zu vermeiden. Oder: Berta läßt Anton einige bestimmte Stellen mit Variationen nachspielen, um ihn selbst auf den Fehler kommen zu lassen. In beiden Fällen verkürzt Berta einen Lernprozeß, der vielleicht lange Zeit in Anspruch genommen hätte, wäre Anton auf sich allein gestellt gewesen. Es dürfte an dieser Stelle schon deutlich sein, worauf ich hinaus will, denn wenn Anton eines Tages Carla im Go-Spiel unterrichtet und – an der gleichen Stelle angekommen, an der er selbst einmal war – er Carla zur Hilfe Bertas Merksatz weitergibt, haben wir ein kleines Beispiel dafür, was tradieren heißt, hier in Gestalt der generationsübergreifenden Vermittlung eines Merksatzes. Ich bezeichne dies als Grundmodell von Tradition. Dieses Grundmodell findet sich in seiner klarsten Form überall dort, wo erworbene Kenntnisse und Fertigkeiten in einem Lehrer-Schüler-Verhältnis an Dritte weitergegeben werden, der Lehrer dabei also als Mittler ihm vermittelter Kenntnisse und Fertigkeiten auftritt. Es repräsentiert, was ich unter „Tradition im weiteren Sinne“verstehen möchte.

In funktionaler Hinsicht bewahrt das individuelle Erinnerungsvermögen davor, einmal gemachte Erfahrungen immer wieder machen zu müssen und befähigt so dazu, Kenntnisse und Fertigkeiten überhaupt zu entwickeln aber auch weiter zu entwickeln. Die Vermittlung erworbener Kenntnisse und Fertigkeiten an Zweite und ihre Weitervermittlung an Dritte erfüllt die gleiche Funktion über das Individuum hinaus. Das aber bedeutet nicht, daß unmittelbare Erfahrungen überflüssig würden. Im Gegenteil: Der Vermittlungsprozeß wird umso erfolgreicher sein, je stärker das Vermittelte an die eigenen Erfahrungen anknüpft. Vermittelt werden nicht die un-mittelbaren Erfahrungen, die jemand macht, sondern die Erfahrung, die jemand hat, also die erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten. Bewahrt wird der Empfänger aber davor, alle Erfahrungen, die zu einer Kenntnis oder einer Fertigkeit führten, selbst erleben zu müssen. Jeder Vermittlungsprozeß ist in dieser Hinsicht ein Prozeß der Reduzierung von Alternativen, z.B. einer Reduktion auf – bezüglich des verfolgten Zweckes – erfolgreiche Handlungsweisen. Dies bedeutet zugleich eine Reduktion auf bestimmte Erfahrungen. Indem der Merkvers die Vielfalt von Handlungsmöglichkeiten auf eine überschaubare Anzahl reduziert wirkt er handlungsorientierend.

Daß die an den so beschriebenen Vermittlungsprozessen Beteiligten keinen Begriff von Tradition benötigen, dürfte für sich selbst verständlich sein, denn an keiner Stelle innerhalb meiner Beschreibung ist ein Beteiligter genötigt, den Vermittlungsvorgang selbst zu benennen. Im Zentrum meiner bisherigen Überlegungen stand zum einen der Vorgang der Vermittlung von Kenntnissen und Fertigkeiten an Dritte. Dies ist der formale Aspekt des Traditionsbegriffs, den ich – wie es naheliegt – als Traditionsprozeß oder Tradierung bezeichne. Traditionsmateriale will ich dagegen die mittelbaren Kenntnissen und Fertigkeiten selbst nennen, das also, was tradiert wird. Zum anderen, indem der Traditions- als Vermittlungsprozeß beschrieben wurde, war der aktive Part bisher dem Tradenten vorbehalten. Wird der Empfänger von Traditionsmaterialen zu einem aktiven Teilnehmer an Traditionsprozessen, so stellt sich der Vorgang anders, nämlich als Prozeß der Aneignung dar. Greifen wir dazu auf die Beispielgeschichte zurück, und zwar auf das Stadium, in dem ich noch nicht von Tradierung sprechen wollte, also der Vermittlung einer Erfahrung Bertas an Anton in Gestalt eines Merksatzes. Nehmen wir an, der Merksatz enthält einen taktischen Rat. Anton – so die oben beschriebene Variante – erkennt durch den Ratschlag seinen bisherigen taktischen Fehler und macht anschließend, den Rat befolgend, eigene Erfahrungen, die ihm die Vorteile der empfohlenen Taktik bestätigen. Es sind aber auch Alternativen denkbar. So könnte Anton z.B. den Rat befolgen und aufgrund der Erfahrungen, die er dabei macht, zu dem Ergebnis kommen, daß die empfohlene Taktik nicht zum erwünschten Ziel führt oder daß sie nur auf ganz begrenzte Spielsituationen anwendbar ist. Oder Anton könnte aufgrund bereits gemachter Erfahrungen den Rat sofort zurückweisen. Hatte ich oben von einem Lernen dann gesprochen, wenn das Vermittelte eine Änderung der Handlungsweise bewirkt, so ist an dieser Stelle nun wichtig zu betonen, daß die geänderte Handlungsweise nicht der beabsichtigten Änderung des Vermittlers entsprechen muß, denn den Rat, den Berta gibt, könnte Anton auch ganz falsch verstehen mit dem Ergebnis, trotz eines richtigen Rates falsch zu handeln oder trotz eines falschen Rates richtig. Aneignung möchte ich darum jenen Prozeß nennen, in dem (von einem anderen) Erlerntes durch ein prüfendes eigene-Erfahrungen-machen in den eigenen Verfügungsbereich gelangt. Sinnfällig wird dies, wenn wir nun das Grundmodell der Tradition betrachten, in dem Anton den Merkvers an Carla weitergibt: Berta vermittelte Anton eine Spielerfahrung in Form eines Merkverses und dieser, indem er den Rat befolgte, machte eigene Erfahrungen, die zu einer Modifikation des Verses führten, z.B. weil er durch die eigene Spielpraxis bemerkte, daß der Vers nur in bestimmten Situationen anwendbar ist. Gleichwohl gibt er den Vers, möglicherweise im Wortlaut identisch, an Carla weiter, nur daß vielleicht die Beispiele, die er bei der Erläuterung verwendet, den Umfang möglicher Spielzüge eingrenzen. Die bereits von Berta vollzogene Reduktion möglicher Alternativen wird von Anton fortgeführt oder sogar noch verstärkt. Diese durch eine Aneignung von Traditionsmaterialen im Traditionsprozeß erfolgte Reduktion läßt sich verstehen als die Grundlage jeder Form von Weiterentwicklung.

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3 Das Unbehagen an der Tradition

Tradierung als Aneignungsprozeß verstehe ich nicht als bloße Übernahme des Traditionsmaterials, sondern er ist begleitet von einer vorrationalen und vorkritischen Prüfung durch das Machen eigener Erfahrungen. Dieses Prüfen durch Erfahrung stellt kein methodisch reflektiertes Verfahren dar mit dem Zweck, die tradierten Kenntnisse und Fertigkeiten auf ihre theoretische Wahrheit oder praktische Richtigkeit hin zu untersuchen, sondern die Erfahrungen stellen sich durch die sie transportierenden, reduzierten Handlungsalternativen ein. Wichtig für den Aneignungsprozeß ist deshalb nicht die Frage nach einer besseren Alternative, sondern die Bestätigung der empfohlenen Handlungsalternativen durch die Alltagspraxis. Lübbe nennt dies die „Wiedererkennung eigener Erfahrung im Spiegel ihrer erinnerten traditionsorientierten Ankündigung“.(Lübbe 1983, 57) In dieser Hinsicht ließe sich Tradition auch als ein Weitergeben von Erfahrung bezeichnen, insofern nämlich die als Kenntnis auftretende Weltsicht und die als Fertigkeit erscheinende anempfohlene Handlungsweise die sie bestätigenden Erfahrungen erzeugt. Dementsprechend ist auch die Begründung tradierter Kenntnisse und Fähigkeiten vorrational: So wie jemand in der Alltagspraxis zur Begründung einer Behauptung oder einer Handlungsweise auf die eigene Erfahrung verweisen kann, kann man auf die als Traditionsmaterial von Generation zu Generation weitergegebene Erfahrung verweisen. Unser Alltag ist in jeder Hinsicht von Traditionen im weiteren Sinne geprägt, angefangen bei der Sprache über die Weisen der Nahrungszubereitung bis hin zu den Formen des Umgangs mit anderen. „[K]ein einzelner von uns“, heißt es bei Herder, „ist durch sich selbst Mensch geworden. Das ganze Gebilde der Humanität in ihm hängt durch eine geistige Genesis, die Erziehung, mit seinen Eltern, Lehrern, Freunden, mit allen Umständen im Lauf seines Lebens, also mit seinem Volk und den Vätern desselben, ja endlich mit der ganzen Kette des Geschlechts zusammen“(Herder 1965, 336f). Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, was denn dann eigentlich mit der Rede von „Traditionsverlust“, Traditionslosigkeit“ oder „Posttraditionalität“ gemeint ist, was – kurz gesagt – das Problem mit der Tradition ausmacht.

Das Problem hängt mit einer Konzeption zusammen, die ich als „Tradition im engeren Sinne“ bezeichnen möchte. Der begründende Verweis auf die eigene Erfahrung oder die Erfahrung der Generationen reicht solange aus, wie die vermittelte Erfahrung den gemachten Erfahrungen Zweiter oder Dritter korrespondiert und diese so akzeptiert werden kann. Die faktische Akzeptanz von Traditionsmaterialen erlaubt, von ihrer Gültigkeit zu sprechen. Wenn nun diese Gültigkeit durch die Weiterentwicklung des bisher Gültigen fraglich wird, gibt es zwei Möglichkeiten, damit umzugehen. Die erste Strategie hat die bisherige Darstellung dominiert: Die Traditionsmateriale werden modifiziert oder aufgegeben. Die zweite Strategie begründet das moderne Unbehagen gegenüber der Tradition: Auf der bleibenden Gültigkeit der Materiale wird beharrt. Dieses Beharren fußt auf der Unterstellung, daß was sich von Generation zu Generation immer wieder durch Erfahrungen bestätigte, nicht plötzlich als falsch sich erweisen kann. Die Bewahrung von Kenntnissen und Fertigkeiten wird so zum Selbstzweck, bewahrt wird um des Bewahrens willen. Im Gegenüber zu einem Begriff von Veränderung entsteht so den Tradieren selbst ein Begriff von Tradition, der allerdings insofern ein enger Begriff ist, als sein Verständnis auf die Traditionsmateriale begrenzt ist und den prozessualen Charakter der Aneignung sowie das darin enthaltene progressive gegenüber dem konservativen Potential ausblendet. Diesen engen Begriff von Tradition greift Adorno auf, wenn er behauptet, Tradition stehe im Widerspruch zur Rationalität (Adorno 1998, 310).

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4 Literatur in Auswahl

Adorno, Theodor W., Über Tradition, in: ders., Kulturkritik und Gesellschaft I (Gesammelte Schriften 10/1), Darmstadt 1998 (=Frankfurt a.M. 1977), 310-320.

Gehlen, Arnold, Das Bild vom Menschen, in: ders., Anthropologische Forschung, Hamburg 1961.

Hauschild, Wolf-Dieter, Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte Bd. 1: Alte Kirche und Mittelalter, Gütersloh 1995.

Herder, Johann Gottfried, Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit (Hrsg. von H. Stolpe), Berlin und Weimar 1965.

Lübbe, Hermann, Zeit-Verhältnisse. Zur Kulturphilosophie des Fortschritts, Graz u.a. 1983.

Ortega y Gasset, José, Vom Menschen als utopischem Wesen. Vier Essays, Stuttgart 1951..

Schmidt, Burghart, Art. Tradition, in: Kerber, Harald/ Schmieder, Arnold (Hg.), Handbuch Soziologie. Zur Theorie und Praxis sozialer Beziehungen, Reinbek bei Hamburg 1991. 617-620.

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Abstract:

Wer über Tradition spricht sollte angeben können, welchem Phänomen er den Terminus "Tradition" beilegt. Sowohl die Umgangssprache wie die Verwendungswise in Philosophie und Theologie ist äußerst uneinheitlich. Der Blick in die Begriffsgeschichte liefert einen Hinweis darauf, die Grundlage für Traditionsprozesse in der Weitergabe zu sehen. Am Beispiels des Brettspiels Go wird solch ein Prozess nachvollzogen.

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Letzte Änderung: 20.2.2011